Wien/ Berlin
immer wenn ich sage ich komme aus wien sehen mich die deutschen ganz überrascht an so als hätte ich grade gesagt ich wohne auf Gran Canaria, aber habe mich jetzt doch für berlin entschieden. wirklich dieser ungläubige blick, als wärs es das absurdeste was sie je gehört haben. sie reißen die augen ganz weit auf und kriegen kaum luft und werden ganz rot im gesicht und ich mach mir ganz langsam sorgen, dass sie vielleicht jetzt gleich hier so einfach mal so umfallen. stattdessen sagen sie völlig außer atem: aber wieso? wien ist doch so schön!! und quetschen ihre augen so ganz eklig aus den höhlen heraus und dann versuchen sie kläglich einen satz auf wienerisch zu sagen, aber es hört sich so ganz komisch an also wirklich unnatürlich und sehr eigenartig wie so eine halskrankheit so: serwas i bims die deitsche. und ich muss dann immer also wirklich immer so peinlich berührt lachen und so sagen: super! haha! also echt super! haha! ! also super! hahaha! und während ich versuche mich ganz langsam nach hinten zu lachen haha! werfen sie immer weiter mit stichworten um sich wie: Stephansdom! ha! und die kutschen!! und das Essen!! lecker! UR gut haha! haha! Sissi!!! so viel kultur!! oida!! OIdaaaa!! hahaha leiberl! also leibERL! haha! wie das klingt! so lustig!! haha! dieser dialekt ! so lieb!! haha! sackerl!! haha! a sackERL! hahah!! ahh sachertorte!! UR gut!! haha!! und als sie dann direkt vor meinem gesicht so herumtänzeln und sich an ihren lobeshymnen ergötzen da passiert etwas komisches. ich sehe sie an, alles verschwimmt um mich herum und ganz bewusst nehme ich wahr wie sie da so stehen voller liebe an diese stadt und antworte: wien is aber oasch. und denke dabei ganz geheim für mich - ja stimmt ist eh ur schön.
Jungschauspieler
„so märchn spün des is do wos für jungschauspieler“
„oma das ist der sommernachtstraum von shakespeare“
„oh... is des ka märchn?“
„nein das ist ein stück mit versen“
„mit wos?“
„verse oma das reimt sich“
„aha oiso sowos wie a gedicht?“
„nein oma kein gedicht, ein stück fürs theater“
„aha oba do is ja a esel?? wos soi denn des sein spün di imma tiere im theater?
„nein oma..“
„oda is des für kinda?“
„nein oma!!“
„oba a esel ???“
„ja das hat shakespeare so geschrieben“
„jo oba wieso bitte a esel? des is doch a bissl kindisch ois“
„naja es geht ja um die sommersonnenwende da kann alles passieren..“
„wos die wende? es geht um die wende?“
„nein oma das ist ein fest...“
„oiso kind die wende woar ka party“
„ge oma schaus dir einfach an“
„und wos is des - is des jetzt ah elf in strumpfhosn?? oiso des moderne theater is scho eigenartig“
„ge oma jetzt schau einfach“
„i seh nix i hob mei brilln vergessen sog is der den den esel do grod spüt glaubst schwul?“
ein baby kreischt und schreit seit stunden, ich höre es durch das offene fenster und denk mir so sollte es sein, einfach mal paar stunden durchschreien, kein ende in sicht, der kopf rot, alles totgeschrien, die nachbarn klopfen, egal, mit dem kopf durch die wand, weiter schreien und plötzlich stehen zwei männer in uniformen vor der tür , man hört nur gesprächsfetzen ruhestörung, durchgeknallt, aggressiv egal einfach weiter einfach weiter schreien ich muss weiter einfach weiter. weiter immer weiter, ich muss einfach weiter irgendwohin also bitte einfach weiter da hin da weiter hin bitte, also einfach da weiter brüllen bis sie deine tür aufbrechen und du da stehst verschwitzt, die haare kleben an deiner stirn, du zitterst am ganzen körper, alles rausgeschrien denken sie, jetzt ist es still, doch als sie dich genauer betrachten sehen sie da kommt noch was, die hört nicht auf, die steht da und schreit und schreit und schreit und spuckt und brüllt doch plötzlich ändert sich etwas in ihrem blick, irgendwas ist anders, die anstrengung weicht langsam aus ihrem körper und als du sie länger betrachtest siehst du es genauer, in ihrem blick blitzt etwas durch, doch gerade als du näher kommen willst schlägt sie dir mit voller wucht mitten ins gesicht, du blutest und der schmerz fährt durch den ganzen körper und du denkst dir ja genau so sollte es sein.
Die Elite geht ins Theater, ich sitze draußen bei Brecht auf einem gelben Stuhl und sehe wie ein Kamerateam ihre Sachen direkt vor uns aufbaut, sie wollen noch einen kurzen Beitrag drehen. Ich müsste bitte schleunigst meinen Platz verlassen, denn das hier sei ein sehr wichtiger Beitrag für einen sehr WICHTIGEN Sender. Die Frau sah mich an, als wäre ich vom Mond. Ich stehe auf und Brecht sieht mir traurig nach, vor Kurzem sah er noch sehr zufrieden aus aber jetzt wirkte er etwas beunruhigt. Seine Augen weiteten sich etwas, die Scheinwerfer sind nun grell auf ihn gerichtet und die Frau, die in ihrem schwarz weißen Mantel schwer cruella de vil ähnelte, stellt sich mit dem mikro direkt vor ihn. ich verstehe nur gesprächsfetzen, wie : berlin kennt oliver reese - oliver reese kennt berlin, alle die rang und namen haben sind heute hier versammelt, Blabla. Brecht wirkt nun auf einmal sehr verärgert. plötzlich wirft sie ihr blondiertes haar nach hinten und lächelt Brecht an und wedelt gleichzeitig wie wild mit dem Mikro in der Hand vor seinem Gesicht herum: Liebe Leute da draußen!! Das ist Bertolt Brecht wollen Sie nicht auch etwas sagen zu dem ganzen Geschehen? Bertolt ja? Er schweigt lächelnd, sieht mich an und neigt den Kopf leicht. Denn wo der Glaube tausend Jahre gesessen hat, eben da sitzt jetzt der Zweifel. Die Frau wirkte nun sehr verwirrt, wendete sich jedoch nach kurzer Pause wieder der Kamera zu und sagt: "Wir werden gleich in dieses Theater gehen! Und sie werden live dabei sein! ein einmaliger live Moment in der Geschichte DIESES Theaters!! Und sie zeigt als Abschluss nochmal auf Brecht mit einer ausladenden Geste. Dann lacht sie auf, fletscht ihre weißen zähne und sieht ihn an, als erwartete sie einen Freudentanz für ihre bereichernden Worte. Brecht saß auf seinem Stuhl wie vorher, doch irgendwas in seinem Blick hatte sich verändert. Plötzlich wurde es dunkel. Es fing an zu funkeln, tausende Feuerfunken entfachten nun wirklich einen kleinen Tanz um sie. Das ganze Kamerateam schrie auf und die Frau kreischte laut: "Mein schöner Mantel, mein Mantel, er brennt!! Jetzt macht doch wer was, Scheiße, mein Mantel, der war teuer verdammte Scheiße!!!" Brecht war nun hell erleuchtet und ich sah dem Treiben zufrieden zu, wie er da saß und ich da saß und wir da saßen und das kleine Feuerwerk und ich hätte schwören können, für einen kurzen Moment sah es so aus, als zwinkerte er mir zu.